ZUR GESCHICHTE DES KZ-NEBENLAGERS SCHLOSS LIND

dietmar seiler

das außenlager schloss lind stellt im kz-system (und erst recht unter einbeziehung der vernichtungsstätten im osten, wo das europäische judentum ausgerottet werden sollte, oder der berüchtigten „euthanasieanstalten“ wie etwa hartheim bei linz) eine scheinbar vernachlässigbare größe dar. dies gilt allerdings nicht für jene häftlinge, die an diesem ort während dreier langer jahre tag für tag einem ungewissen schicksal entgegensahen. auch in dem kleinen, etwas abgelegenen schloss offenbarte die nationalsozialistische herrschaftspraxis ihren charakter, wie die folgenden schlaglichter zeigen.
die gründung des kommandos st. lambrecht, dessen häftlinge auch in der land- und forstwirtschaft eingesetzt wurden, erfolgte im mai 1942 als nebenlager des konzentrationslagers dachau. einige wochen später wurde in dachau ein weiterer transport zusammengestellt, von dem ein teil für das schloss lind bestimmt war. diese 20 häftlinge bildeten ab dem 22. juni 1942 das außenlager schloss lind, das aufgrund des organisatorischen zusammenhangs teilweise auch als unterkommando von st. lambrecht geführt wurde. am 20. november 1942 wurde schloss lind (gemeinsam mit st. lambrecht und dem außenlager passau i)  wahrscheinlich aus administrativen gründen – von mauthausen übernommen.
Waggon Mariahof I bahnhof mariahof
die drei polnischen häftlinge jerzy budek, stefan cherkawski und tadeusz korczak kamen mit dem ersten transport nach schloss lind und blieben dort bis kriegsende. ihre erinnerungen bilden – neben transportlisten und stärkemeldungen – die nahezu einzigen angaben zur geschichte schloss linds während der ns-zeit. die folgenden notizen sind daher großteils von der sicht dieser drei häftlinge geprägt.
insgesamt bestand dieser erste dachauer transport aus neun polen, fünf deutschen, vier tschechoslowaken und zwei „ostmärkern“. was die häftlingskategorie betrifft, so handelte es sich durchwegs um „politische“. diese einheitlichkeit des kommandos dürfte damit zusammenhängen, das das kz dachau während der ganzen zeit seines bestehens ein „rotes“ lager war (nach der farbe der dreiecke, die die häftlinge tragen mussten), dass also die schlüsselpositionen in der sogenannten „häftlingsselbstverwaltung“ von „politischen“ besetzt waren. in den ständigen auseinandersetzungen mit den „grünen“, den „kriminellen“, war es daher naheliegend, ein kleines außenlager auf einem landwirtschaftlichen gut, das aus dachauer sicht als verhältnismäßig angenehm erscheinen musste, mit angehörigen der eigenen kategorie zu beschicken.
später, vor allem 1943 und anfang 1944, gab es kleinere veränderungen im häftlingsstand. neben rund zehn spaniern, die teilweise von st. lambrecht überstellt wurden, kamen ein deutscher, ein tschechoslowakischer und wahrscheinlich auch ein jugoslawischer häftling nach lind. andere wurden dafür nach mauthausen oder gusen zurückgeschickt. ein häftling wurde entlassen und zur wehrmacht eingezogen. von mitte februar 1944 bis januar 1945 gab es wahrscheinlich keine oder kaum veränderungen im häftlingsstand. es ist anzunehmen, dass sich in der endphase nichts mehr geändert hat. als capo des kommandos fungierte all die jahre ein deutscher häftling names erwin may, der seine relative macht in keiner weise missbrauchte.
im schloss lind befanden sich zu dem zeitpunkt, als die häftlinge eintrafen, bereits einige fanzösische sowie rund fünfzig sowjetische kriegsgefangene, die von wenigen wehrmachtsangehörigen bewacht wurden. ansonsten wurde das schloss nur vom verwalter, dessen familie und von wenigen landarbeiterinnen und dienstmädchen bewohnt.

die häftlingsunterkunft

die häftlingsunterkunft wurde im dritten stock des schlosses in dem etwa sieben mal fünf meter großen raum, in dem sie sich gerade befinden, eingerichtet. vor den zwei fenstern befanden sich eiserne gitter, der eingang wurde zweifach mittels einer holz- und einer eisentür verschlossen. an einrichtungsgegenständen waren lediglich einfache holzpritschen und ein tisch vorhanden. sanitäre einrichtungen gab es in dem quartier nicht, sieht man von einem primitiven abort ab. einmal pro woche durften die häftlinge in einem waschraum, wo es auch heißes wasser gab, ein bad nehmen. in der unterkunft, wo zwanzig bis dreißig menschen auf engstem raum leben mussten, wurden sie dennoch von allerlei ungeziefer geplagt.

die ernährung

auf einem landwirtschaftlichen gut wie schloss lind war die ernährung einigermaßen gewährleistet. zwar konnten die häftlinge auch in lind ihren hunger kaum vergessen, aber immerhin reichten die kargen rationen im vergleich zu anderen lagern, wo oft nicht einmal die wenigen vorgeschriebenen lebensmittel zu verteilung kamen, einigermaßen aus, um sie vor dem dahinsiechen zu bewahren. und nicht zuletzt war auch die arbeit wesentlich ungefährlicher und weniger erschöpfend als etwa beim bau von stollen, die in kürzester zeit für die verlagerung der rüstungsindustrie vorangetrieben wurden. die verschiedenen auf einem gut anfallenden arbeiten sowie diverse innenarbeiten boten den häftlingen zudem ein relativ hohes maß an bewegungsfreiheit, was wohl mit der personalknappheit der ss zusammenhing. unter anderem gelang es den häftlingen immer wieder, im zimmer des kommandoführer radio zu hören und sich über die entwicklungen an den fronten zu unterrichten.
das frühstück bestand aus etwa einem halben liter bitteren ersatzkaffee, zu mittag bekamen die häftlinge rund einen liter suppe und am abend schließlich ein stück brot mit einem löffel marmelade oder einem winzigen stück margarine. wer von verwandten oder bekannten pakete erhielt, konnte seine ernährung etwas verbessern, zumal lebensmittelpakete in lind nicht von der ss eingezogen oder geplündert wurden. darüber hinaus ergriffen die häftlinge jede sich bietende gelegenheit, an zusätzliche nahrungsmittel heranzukommen. beispielsweise besichtigte hubert erhard einige male das gut schloss lind, und anlässlich eines dieser besuche erschoss er den hund eines (zivilen) melkers, weil dieser ihm offenbar nicht „rasserein“ erschien. den toten tierkörper überließ er den darum bittenden häftlingen, die ihn brieten. („ihr hunde sollt den hund haben!“) ein anderes mal gelang es, im zuge der herbstlichen erdäpfelernte einige stücke beiseite zu schaffen und während des bades im heißen wasser „zuzubereiten“. diese kleinen erfolge der ständigen versuche, etwas zu „organisieren“, wie der auch in lind gebräuchliche lagerjargon lautete, bleiben dabei durchaus in der erinnerung haften.

arbeitszeiten

die häftlinge wurden für alle anfallenden land- und forstwirtschaftlichen arbeiten sowie im wegebau eingesetzt. gearbeitet wurde im winter zwischen sechs uhr morgens und sechs uhr abends, ansonsten je nach jahreszeit bis zu 16 stunden täglich. häftlingsarzt gab es in lind keinen, allerdings wurde der st. lambrechter häftlingsarzt drei mal nach lind gebracht, um sich die häftlinge anzusehen.
Häftlinge St. Lambrecht Bahnhof Mariahof häftlinge st. lambrecht, bahnhof mariahof

die bewachung

die bewachung bestand aus einigen ss-posten samt einem kommandoführer, andere funktionen gab es innerhalb dieser schmalen bewachungsmannschaft nicht. als kommandoführer fungierte zunächst ein unterscharführer namens fritz. bei der übernahme des außenlagers durch das kz mauthausen wurde auch die bewachungsmannschaft abgelöst. kommandoführer waren ab diesem zeitpunkt zunächst ein unbekannter scharführer und ein hauptscharführer namens kaminski oder kowalski. zuletzt befehligte dann unterscharführer josef schmidt das außenlager schloss lind.
im system der nationalsozialistischen konzentrationslager kommt dem außenlager schloss lind zweifellos ein außergewöhnlicher platz zu. während der terror der ss und die völlig unzureichende lebens- und arbeitsbedingungen in den hauptlagern wie auch in den meisten außenlagern einen unentrinnbaren vernichtungsdruck erzeugten, lagen die dinge in lind deutlich anders. die unterschiede ergaben sich dabei in erste linie aus der geringen größe des außenlagers (mit zwanzig bis dreißig insassen war lind eines der kleinsten lager überhaupt), daneben spielten aber auch sein zweck sowie der ort, an dem es eingerichtet wurde, eine rolle.
das konzentrationslager stellte einen meist abgelegenen, klar abgegrenzten herrschaftsraum dar, in dem die häftlinge der totalen überwachung und der kontrolle ausgeliefert waren. gegenüber der inszenierten absoluten macht der ss verschwand der einzelne als ein teilchen einer entmenschlichten masse. in lind war die herrschaftsorganisation von improvisation gekennzeichnet. schon die lage des kommandos in einem gebäude, in dem sich der lagerbereich gleichermaßen mit dem wohn- und wirtschaftsbereich eines landgutes wie auch mit einem kriegsgefangenenlager und den wohnungen der ss vermischte, garantierte eine stärkere verbindung zur außenwelt, als es den intentionen der ss entsprach. die übliche abgeschlossenheit der  von eigenen gesetzen geprägten lagerwelt wurde in lind damit von vornherein verhindert.
die kleine anzahl der häftlinge wiederum beendete deren anonymisierung und ließ den einzelnen vor seine häftlingsnummer treten. zugleich wurde das system der häftlingskategorien aufgebrochen. in lind waren die grenzen zwischen den einzelnen nationalen gruppen leichter zu überwinden als anderswo. teilweise bestehende verständigungsschwierigkeiten mussten dazu natürlich überwunden werden. so hatten zwar die polen und tschechoslowaken in der schule oder im lager deutsch gelernt, doch die später ankommenden spanier verstanden es kaum. es war daher nicht unwichtig, dass es dem polnischen häftling jerzy budek gelang, innerhalb mehrerer monate das spanische hinreichend zu erlernen und sogar ein aus papierfetzen bestehendes kleines wörterbuch zusammenzustellen.
dennoch setzten sich auch in lind die typischen strukturen eines konzentrationslagers fort. die häftlinge hatten großteils schon jahre im kz verbracht, bevor sie nach lind kamen, und wussten daher nur allzu genau, was sie im falle eines rücktransportes erwarten konnte. die ss verzichtete in lind weitgehend auf gewaltmaßnahmen und setzt stattdessen die rücküberstellung als mittel der disziplinierung ein. wer sich etwas hatte zuschulden kommen lassen – in den augen der ss, wohlgemerkt -, wurde ohne viel aufhebens nach dachau und später nach mauthausen oder gusen geschickt und hatte dort vor allem in der strafkompanie kaum eine überlebenschance.
auch die bewacher waren natürlich in einem hauptlager geprägt worden, wo ihnen die nutzlosigkeit und unwürdigkeit von kz-häftlingen mehr oder weniger mit nachdruck eingeschärft worden war. den unterschied zwischen dachau und mauthausen, einem der härtesten lager, bekamen die häftlinge auch in lind zu spüren, als das außenlager am 20. november 1942 von letzterem übernommen wurde. war das leben der häftlinge unter fritz erträglich gewesen, so wehte nun ein deutlich schärferer wind. der neue kommandoführer beklagte sich nicht nur über die seiner meinung nach zu ausgiebigen essensrationen, auch prügel standen wieder vermehrt auf der tagesordnung. dass das verhalten der ss auch von der person des kommandoführers abhängig war, wurde mit dem dienstantritt des unterscharführers josef schmidt deutlich, der als brutaler schläger beschrieben wird.

die befreiung

als das ende des „dritten reiches“ näher rückte, wurden die schikanen gegenüber den häftlingen geringer und die behandlung allgemein besser. am 3. mai 1945 befand sich hubert erhart in lind und befahl die evakuierung des lagers. lediglich die spanier sollten in lind bleiben. zu diesem zeitpunkt war indessen das allgemeine chaos der letzten kriegstage bereits in der obersteiermark angelangt. die von jungen „volkssturm“-angehörigen bewachten häftlinge mussten zum bahnhof marschieren, wo aber wegen der wirr zurückflutenden deutschen truppen ein allgemeines durcheinander herrschte. da an ein durchkommen nach mauthausen aufgrund des schnellen vordringens der us-armee ohnehin nicht mehr zu denken war, wurden die häftlinge nach lind zurückgebracht. auf dem weg dorthin begegnete dem kleinen zug eine ss-einheit, deren kommandierender offizier der meinung war, es habe keinen sinn die häftlinge weiterzutransportieren. stattdessen schlug er vor, sie gleich an ort und stelle von seinen männern erschießen zu lassen. im unterschied zu vielen „todesmärschen“ – den eiligen evakuierungsversuchen von kz-häftlingen und jüdischen arbeitern in richtung mauthausen, bei denen viele an erschöpfung starben oder willkürlich getötet wurden – ging der „volkssturm“ auf diesen vorschlag nicht ein und brachte die häftlinge zurück zum schloss, von wo alle bewacher inzwischen verschwunden waren.
am abend des 5. mai tauchte dann ein auto der „österreichischen freiheitsbewegung“ auf. die häftlinge wurden offiziell befreit und mit ausweisen versehen. einige wurden mit waffen ausgestattet und sollten die wichtige murbrücke bei teufenbach vor der zerstörung durch deutsche truppen bewahren. von der britischen armee wurden die häftlinge schließlich nach st. salvator in kärnten und dann weiter in ein unrra-lager nach udine gebracht.
einige monate nach kriegsende wird von der neumarkter gendamerie ein „überbrückungsbericht“ für die jahre 1942 bis 1945 verfasst, während denen keine chronik geführt worden ist. schloss lind wird in diesem bericht, der „auffälligen ereignissen“ der kriegszeit und des kriegsendes gewidmet ist, mit keinem wort erwähnt, obwohl die rund achtzig gefangenen auf dem gut, die im dienste der der deutschen kriegswirtschaft ausgebeutet wurden, wohl kaum zu übersehen gewesen sind.
 aus: dietmar seiler , aeiou, draußt bist du, draußt bist du noch lange nicht; das andere heimatmuseum, 1996